Diese Reportage beschreibt nicht nur meine bevorzugte Brenntechnik, sondern illustriert auch, dass ein Anagamaofen ohne Anstrengung und lange Vorbereitung, Teamwork und Spaß an der Sache, kaum zu brennen ist. Der Text erschien in mehreren, sich in der Länge voneinander unterscheidenden Fassungen in den Zeitschriften „Neue Keramik“ (02/2010) und „Töpferblatt“ (3/2009), zudem in dem Buch „Das Anagamaprojekt“ von Kathrin Najorka und Christoph Zange.
Ascheregen in Anna Eins
In der Töpferei Najorka wurde ein neuer Ofen gebrannt: Der Krauschwitzer Anagama hat seine Feuertaufe bestanden, die Brennergebnisse können sich sehen lassen
Von Thomas Gebhardt
Der Ofen macht seine Sache gut. Man riecht ihn, kann ihn fühlen und hören. Seinen langsamen, ruhigen Atem ebenso wie sein forderndes Nach-Luft-Schnappen, sein japsendes Gurgeln und Einsaugen, dieses schnelle Wegatmen und so unbändige Verschlingen von Holz. Einfach so, einmal tief durch. Scheit um Scheit. Latten, Schwarten, Stämme, ganze Bäume wandern in den Ofen. Kiefer, Linde, Buche. Der Ofen nimmt sich, was er braucht, und ist allgegenwärtig. Jeder nähert sich ihm auf seine Weise.
Corina Conrad zum Beispiel. Immer wieder legt die 23-Jährige das Ohr an die hintere Kammer des Ofens und lauscht auf die Geräusche hinter der Mauer. Oder Volker Ellwanger – „so lange Flammen aus dem Ofen schlagen, kann keine Luft eindringen“, sagt er und weiß als Nestor der deutschen Keramik wie kein anderer um die Geheimnisse von Oxydation und Reduktion. Johannes Pusch wiederum entzündet gern einen Stumpen Paolo Santo zu all dem Qualm. Heiliges Holz aus Südamerika, das böse Geister vertreiben soll, und noch dazu gut riecht. Vorweihnachtlich, nach Vanille und Kokos. Und Leo, mit bürgerlichem Namen Ragnvald Leonhardt; er will es genau wissen: Jedes Erreichen einer neuen, runden Höchsttemperatur nimmt er als Zäsur und steckt das Pyrometer von der vorderen zur hinteren Ofenkammer, um dann die Zahlen zu verkünden. 200° C hier, 124° C dort, 364° C hinten bei 600° C vorn.

Krauschwitz in der Oberlausitz. Ein 4000-Seelen-Fleck an der polnischen Grenze, der seine Einwohnerzahl überwiegend aus der Eingemeindung umliegender Dörfer rekrutiert. Geschundenes Braunkohlenland, dünn besiedelt. Die Orte und Straßen sind zweisprachig beschildert; deutsch und sorbisch. Zwei frei lebende Wolfsrudel, von Osten über die Neiße gekommen, haben sich hier beheimatet. – In Krauschwitz haben wir uns um den Ofen versammelt. Eine neunköpfige Brennergemeinde im Alter von 23 bis 76 Jahren ist aus ganz Deutschland in die Töpferei Najorka gekommen, um den neuen Ofen zu brennen.
Es ist nicht irgendein Ofen, den Kathrin Najorka und Christoph Zange im Sorbischen gebaut haben, sondern ein Anagama, ein asiatischer Hang- und Tunnelofen. Ein Solitär, zumal in diesen Breiten, stammen doch seine Vorbilder aus Korea, China und vor allem Japan, aus einer mehr als 1000 Jahre alten Brenntradition. Viele seiner Art gibt es nicht in Deutschland; nicht mal ein Dutzend.
Da steht er nun, der Dinosaurier; ein paar Meter hinter der Töpferei: Kathrin und Christoph haben gut vorgelegt. Sie haben Bücher gewälzt und Pläne studiert, haben Kongresse, Seminare und andere Töpfer besucht, Brennerfahrungen und 10 000 Schamottsteine gesammelt, sie haben Säcke mit Mörtel und Sand herangekarrt, Keramikfasermatten, Stahlbewehrungen und Dachschindeln geschleppt, immer wieder Holz gemacht und einen Platz bestimmt, dort ein offenes Ofenhaus gebaut und eine Grube für die Fundamente geschachtet.
Dann haben sie begonnen – und sich immer wieder gegenseitig Mut gemacht. Über die gesamte Bauzeit. Vier Jahre lang. Beim Grundaufbau haben sich die beiden am Dancing-Fire-Holzofen orientiert, so wie ihn Masakazu Kusakabe und Marc Lancet am Solano Community College in Fairfield, Kalifornien, gebaut haben, und dessen Form und Innenleben ihren Bedürfnissen angepasst. Der Krauschwitzer Anagama ist sechs Meter lang, durchschnittlich 1,80 Meter breit, dabei 1,50 Meter hoch und verfügt über zwei Kammern: Die 3,20 Meter lange Vorderkammer mit einer Gewölbe-Innenhöhe von 1,30 Meter und 4,5 Kubikmeter Fassungsvermögen ähnelt von außen betrachtet einem kieloben liegenden Schiff, ist im Prinzip wie ein Anagama konstruiert. Die Vorderkammer hat ein tiefgelegtes Feuerloch, eine darüber angeordnete Hauptfeuerung sowie seitlich zwei, jeweils hintereinander liegende Seitenfeuerungen. Die zweite, kleinere Kammer des Ofens von 1,70 Meter Länge, 1,90 Meter Höhe und einem Kubikmeter Innenvolumen gleicht der zweiten Kammer eines Noborigama, eines japanischen Mehrkammer-Hangofens. Kathrin und Christophs Ofen baucht nach hinten; beide Kammern können separat, aber auch zusammen gefeuert werden.
Dreimal haben Kathrin und Christoph die kleine Kammer bereits gebrannt. Für die große bzw. den gesamten Ofen sollen diese Tage eine Premiere werden. Die Feuertaufe eben. Nicht zuletzt eine Uraufführung für uns alle: Obwohl lang hingestreckt daliegend ist der Anagama im übertragenen Sinn eine Art Kathedrale unter den holzgefeuerten Keramiköfen. Und ihn zu brennen für alle Beteiligten ein Hochamt. Sechs, sieben, acht Tage wird ein Ofen dieser Art gefeuert.
Sonntag, 11. Oktober 2009. Vom ersten Tag an Dauerregen; mal von links, mal von rechts. Drizzle nennt man schwebenden Nieselregen, der beim Niedergehen stäubt und von allen Seiten kommt. Von dieser Sorte ist die Nässe, die uns umgibt und ganz langsam durch die Kleider dringt, während wir den Brand vorbereiten: Holz spalten, Segerkegel in Formen bringen, Putzelmasse – also Trennmittel – und Muscheln bereitstellen, Aluminium und Sand streuen, Ofenplatten und Brennstützen säubern und streichen.
Allein das Einräumen und Einbauen des Ofens braucht viereinhalb Tage. Hunderte Gefäße und Objekte wollen wir brennen, von der fingergroßen Figur bis zur brusthohen Vase. Kriecht man mit zwei Töpfen in den Ofen, kommt man mit mindestens einem wieder heraus. Manchmal aber auch mit dreien oder vieren. Jedes Gefäß, jede Platte oder Schüssel wollen vorsichtig und mit Bedacht platziert werden. Je nach Form, Ton- und Glasurtyp, je nach Temperatur, die das Material verträgt. Mal aufrecht stehend, mal geneigt oder liegend. Die Regale werden über Tage bis zu 1300° C sowie permanente Luftverwirbelungen aushalten müssen. Die Keramik in der vorderen Kammer wird teils unter Asche und Holz liegen, ebenso wie es die Objekte unter den Seitenfeuerungen überstehen sollten, dass wir sie, wenn auch ungewollt, über Tage mit Holz bewerfen werden, als stünden wir vor der Büchsenpyramide einer Jahrmarktsbude. Nicht zuletzt beeinflusst jedes Stück auch seine Nachbarn – umgekehrt gilt das ebenso – in Schattierung, Ascheanflug und Feuerspuren, und ist mitbestimmend für die Flammenführung im gesamten Ofen. Wie beim Schachspiel: Bewegt man eine Figur, verändert sich auch die Stellung aller anderen zueinander.
Alles ist Premiere, auch das Schließen dauert: die Setzöffnungen der Kammern, jedes Loch, jede Spalte brauchen einen passenden Stein, wollen mit Keramikfasermatten verstopft und „Schmotze“ – Zuschmiermörtel aus Tonschlicker, Lehm, Wasser und Sand – verstrichen werden. Christoph flext eine dicke Bodenplatte aus Stahl als Abdeckung für das Feuerloch aufs passende Maß. Die Zugvorrichtung für die Ofenklappe bekommt größere Gewichte. Die Spalter arbeiten in wechselnden Teams. Tagein, tagaus. Nur Volker, der Grandseigneur unserer Gruppe, ist immer dabei, bis 20 Kubikmeter Brennholz in handliche dünne Scheite gespalten sind. Jeweils einen dreiviertel Meter lang. Übermannshoch entstehen die Stapel als Außenwände des Ofenhauses.
Donnerstag, 15. Oktober 2009, 18.20 Uhr. Ofen feucht. Platten feucht. Pötte feucht. Wir – feucht. Christoph beugt sich ins Feuerloch und zündet an. Dazu gibt’s Linsen mit Kreuzkümmel und Kassler. 7° C sind’s im Ofen bei 2° C Außentemperatur. Gefühlt liegt sie weit darunter. Wer nun denkt, der Ofen wird’s schon richten, sieht sich getäuscht. Bis Samstagmittag wollen wir auf höchstens 300 ° C heizen. Der Krauschwitzer Anagama ist doppelwandig gemauert, mit einer dicken Zwischenschicht aus Keramikfasermatten. Gut isoliert also. Links vom Ofen haben wir einen kleinen Schrein aufgebaut, und jeder aus dem Brennerteam hat etwas hineingelegt. Eine Muschel. Einen Schmetterling. Ein Tonmännchen. Eine Tonmöwe. Eine Hagebutte. Eine Brezel. Einen Tannenzweig. Eine Eichel. Ein Schälchen für dies und das; meist Rotwein. Daneben eine Kerze, die brennt und nicht ausgehen sollte, solange wir brennen.
Am nächsten Morgen liegt draußen Schnee und auf dem Frühstücksteller Spiegelei mit gebratenem Speck. Das soziale Netz ist durch die Einräum- und Vorbereitungsphase bereits gut gespannt; die Küchen-Infrastruktur steht, das Sich-gegenseitig-zur-Hand-Gehen ist eingespielt. Jeder kommt mal mit dem Kochen dran und Mutter Najorka regelmäßig vorbei: mal mit Sauerkraut und Bauchspeck, ein andermal mit Sauerbraten und Rotkraut. Beinahe täglich mit frisch gebackenem Kuchen. Pflaume, Kirsche, Apfel oder Stachelbeere. Auch die Abendversorgung klappt. Nur am Ofen sind wir noch in der Vorglühphase.
Bis 550° C wollen wir lediglich fünf bis zehn Grad die Stunde erhöhen. „Ordnungsgemäß abbremsen“ nennt Leo das. Je langsamer gebrannt wird, desto besser – damit das Brenngut behutsam trocknen kann, das chemisch gebundene Wasser langsam aus den Gefäßen, Glasuren und dem Ofen entweicht, damit die Quarzsprünge ohne Schäden am Scherben vorbeigehen, auch Ungeschrühtes standfest die Schrühtemperatur erreicht. Geheizt wird in vier personell wechselnden Zweierschichten à vier Stunden. Rund um die Uhr, 24 Stunden, ohne Unterlass. Christoph hat eine Woche Brenndauer als Zielvorstellung ausgegeben. Insofern können wir der Verantwortung dem Ofen gegenüber anfangs noch gemächlich nachgehen. Alle 15 Minuten zwei, drei Scheite nachlegen. Nicht mehr. Dennoch, und trotz aller Vorsicht: Welche glücklichen oder unglücklichen Zufälle Regie führen werden, wer weiß das schon?
Selbst bei steigender Temperatur im Ofen wachsen noch die Holzstapel. Das tiefer gelegte Feuerloch kann mit dicken Scheiten bestückt werden, obendrein spaltet tagsüber immer jemand. „Utensili in movimento, tools in motion“, heißt es auf dem Holzspalter, dessen Guillotine mit anderthalb Tonnen erbarmungslos herunterfährt, sobald jemand die Greifarme zusammenführt. Ein Brechen, Knacken und Knirschen, ein Vierteln, Sechsteln und Achteln. Stündlich notieren wir die Gradzahl im Brennerbuch, dem Brandtagebuch, unserer Bibel auf Zeit. Freitagnachmittag schreibt Kathrin ihre Handynummer hinein – mit dem unmissverständlichen Zusatz „Notruf“. Die unbeabsichtigten Spalten zwischen den Steinen im vorderen Ofenbereich werden größer. Bei bester Sicht.
Im Ofen sind unterschiedlichste Arbeitsstile, Gefäße und Objekte, Tone, Porzellane und Massen, Glasuren und Engoben versammelt. Grüne Ware steht neben geschrühter, Gebautes neben Gedrehtem, übereinander, aufeinander, hoch schamottiert oder das genaue Gegenteil. Einige von uns haben Objekte speziell für den Anagama gearbeitet, andere mitgebracht, was sich noch in den heimischen Werkstatt-Regalen fand. Die Mischung: Gerade richtig für das Einbrennen eines neuen Ofens. Passend, um hernach zu wissen, was geht und was nicht. Fürs nächste Mal.
Kathrin hat kräftige, auf dickem Fuß thronende Flaschen und Schalen aus Frohnsdorfer und Krauschwitzer Ton gedreht, dem sie ordentlich Sand und Kiesel beigemengt hat, zudem filigrane Porzellanbecher, so fein, dass deren Ränder Blättern im Wind gleichen. Christophs expressive, dickwandige Arbeiten finden als wagenradgroße Schüsseln, robuste Hanaire oder Jawan Eingang ins Feuer. Es sind Stücke mit viel Körpervolumen, mit vernarbten, kantigen Schultern für Feuerspuren und Ascheanflug. Juliane Herden – kurz Jule – hat Vasen mitgebracht, die zugleich Körbe sind, Flaschen, die auch Vasen sein können, und Objekte, die Ausblicke zulassen, zugleich Gefäße tragen und dabei an manche Landschaft Georgia O’Keeffes erinnern. Als zarte Melange unterschiedlicher Materialien und Formen. Friederike Dux reiste mit dem Zug an, konnte deshalb neben der Gitarre nur drei Arbeiten einpacken – mit Feingefühl gedrehte Schalen, aber deutlich einem Anagama zugedacht. Volkers Arbeiten aus La Borne-Tonen faszinieren durch ihre formale Strenge. Als Zugeständnis an den Anagama hat er dickwandiger gedreht als zu Zeiten seiner Berner und Mainzer Professur. Beinahe ehrfürchtig betrachten wir andere seine Teedosen mit innen liegendem, kranzlosem Deckel und aufgesetztem, zweitem Tassendeckel. Mal hat er eine Prise Rutil aufgetragen, mal einen Hauch Lavamehl aufgelegt, ein andernmal etwas Apfelbaum-Asche gestreut. Leo aus Halle hat einen Rundumschlag gewagt und vom gepinchten Gefäß über kraftvoll gekämmte Platten bis zu schwungvollen Kalebassen ganz unterschiedliche Objekte dem Feuer anvertraut.
Samstagmittag ist der Ofen außen handwarm; „unser“ Ofen. Bei 325° C im Inneren. Etwas Beruhigendes geht von ihm aus. Friedvolles. Nun wärmt er – ist Marktplatz und Hafen zugleich, jedenfalls der Ort, an dem alle Neuigkeiten ihren Anfang nehmen. Ihm gilt der erste Weg am Morgen. Wer erfahren will, wo’s brennt, muss am Ofen nachfragen. Das bringt auch eine neue Gruppendynamik und spezielle Ofengespräche hervor. Sie kreisen um die Themen Thermoelement versus Segerkegel, Vorteile eines gewölbten Feuerlochs gegen jenes mit waagerechter Decke, bei welcher Temperatur beim Heizen Tempo aufzunehmen ist und so weiter.
Vor dem Feuerloch steht ein Sofa in gebührendem Abstand, daneben eine gegossene Steinbank, mit Sitzbrettern und Matten belegt. Genügend Platz für alle. Ein Holztischchen nahebei, darauf Handschuhe, Schals und Kaffee sowie Nachtschicht-Überlebensbeutel. 300 Gramm Gummibärchen mit kurzer Lebensdauer. Fünf Stufen führen hinunter zum Ofen. Wo ein Bodengefälle fehlt, muss man es simulieren, um einen Hangofen zu bauen. So beginnt die Vorderkammer des Anagama unter Bodenniveau. Kathrin und Christoph haben seine Außenhaut noch nicht mit Lehm verstrichen, sodass wir auf den Ofen schauen wie auf das Gewölbe einer Kirche. Hier und da ragen noch Eisenbewehrungen aus Steinstützen und Betonrahmen. Manches wirkt provisorisch, erhebt sich gegen die Perfektion des Fertigen. Drumherum Krauschwitzer Füllboden. Längst haben Regen, Schnee und Nässe alles außerhalb des Ofenhauses zu Matsch gemacht. Der Weg zur Werkstatt, eine einzige Rutschpartie. Ganz Krauschwitz steht auf Ton.
Sonntagmorgen. 2.30 Uhr stößt die Nachtschicht noch auf die erreichte 500°-C-Marke an. Schon 7.30 Uhr zieht die Morgenschicht das Feuer aus dem Feuerloch nach oben, in den Ofen also, da sich die Temperatur ab 540° C im tiefer liegenden Feuerloch nicht mehr bewegen lässt. Trotz häufigen Ausnehmens des Glutbetts. Dann geht bei hinten geöffnetem Schieber alles sehr schnell: 9.00 Uhr, 773° C.; 10.10 Uhr, 920° C; 11.50 Uhr, 1000° C. Jene, die erst gegen Mittag zum Ofen kommen, weil sie vor- oder nachschlafen müssen, trauen ihren Augen kaum und glauben zunächst, jemand habe das Pyrometer zwischenzeitlich von Celsius auf Fahrenheit umgestellt.
Ein Anagama hat gegenüber den meisten anderen Holzbrandöfen den Vorteil, dass man mit jedem Nachlegen auch einen Blick auf das Brenngut werfen kann. Schließlich sind Brenn- und Besatzkammer eins. Da stehen oder liegen sie, die Pötte. Inmitten der Flammen, die gegen sie anbranden. So zügellos, scheinbar völlig enthemmt. Längst glänzt der Scherben. Insofern kann man beim Anagama immer auch ein bisschen auf Sicht fahren, müssen wir uns nicht ausnahmslos auf Segerkegel und Pyrometer verlassen. Dennoch stehen in allen einseh- und erreichbaren Ofenbereichen Ziehproben und Segerkegel. Wie kleine Dreizacke ragen sie auf, als erhebe sich Poseidon aus dem Meer oder der Teufel aus dem Höllenschlund: die 1230er-, die 1300er-, die 1320er-Kegel. Die Temperaturunterschiede in einem solch großen Ofen sind groß. Rotglut wird gerade zu Gelbglut, während im vorderen Bereich der ersten Kammer bereits die 1230°-C-Kegel gefallen sind und der 1300er wie der schiefe Turm von Pisa dasteht. Schön aufrecht, aber gerade eben noch so. Schon am dritten Tag kommt nur noch Volker rasiert zur Schicht.
Die Asche läuft, vorn mehr als hinten. Die Stimmung am Ofen steigt mit den Temperaturen im Ofen. Drinnen glühen die Töpfe, draußen die Wangen beim Nachlegen. Unsere Handschuhe sind nur bis 500° C Kontakthitze und 350° C Dauerhitze ausgelegt und manch einer schüttelt sie sich mit schnellen Bewegungen von den Händen, wenn es mal zu viel Kontakt oder zu lang andauernd war. Rock ’n’ Roll am Feuerloch. Auch die Holzstapel werden kleiner, während Jule die sieben Wege des Muzai No Nanahuse Gyo vorträgt und im Brennerbuch notiert, dass wir sie von Stund an befolgen. Es geht um Weisheit, Frieden und Glück; zu erreichen durch freundliche Beachtung („Gense“) des anderen, ein Teilen des Lächelns („Waganetsusiski“) mit anderen oder das Benutzen von Wörtern, die auch andere freundlich stimmen („Gonjise“). Letzte Spinnen ziehen sich vom Ofen zurück.
Kathrin lebt schon vom ersten Tag „Boushase“ vor, den Weg der Gastfreundschaft, und „Shozase“, den Weg, es anderen so bequem wie möglich zu machen – unter Aufgabe eigener Bequemlichkeit. Ihr Haus gleicht Wallensteins Lager. Jede horizontal gepolsterte Fläche ist Bettstatt geworden. Ein Kommen und Gehen. Abends sitzen wir noch zusammen. Erzählen, machen Musik oder sehen Videos über die Drehtechniken von Ken Matsuzaki, Uwe Löllmann beim Anagamabrand und uralte chinesische Brenntechniken, die im Reich der Mitte bis heute angewandt werden. Westliche Brennöfen sind im Vergleich damit zu hochkomplexen Brenncomputern mutiert.
Wie keramikversessen oder den Pötten verfallen muss jemand sein, der wie Kathrin einen Kasseler Ofen mit 16 Kubikmeter Fassungsvermögen und drei Elektroöfen in der Werkstatt hat, um sich einen weiteren Ofen wie den Anagama zu bauen? Mit mehr als fünf Kubikmeter Innenraum – der sich nicht allein brennen lässt, den die beiden wohl höchstens zwei Mal im Jahr brennen werden. Aber wie mutig auch, leidenschaftlich, auch voller Energie muss jemand sein, der ein solches Projekt angeht? Hat sich in Fernost ein Ofen dieser Art schnell amortisiert, angesichts von bis zu einer halben Million Euro, die für eine gelungene Teeschale ausgegeben werden, muss man in unserem Kulturkreis schon einige Dutzend Male brennen, um die Kosten nur halbwegs wieder einzuspielen. Aber geht es darum?
Montag, Friederike hat Geburtstag. Der 26.! Sie ist eine der Jüngsten am Set, aber die Einzige aus dem Team, die schon mal einen Anagama gebrannt hat. In Südengland, bei Nic Collins, einer Legende des Anagamabrands. Nun auch in Krauschwitz, wo sie den Tag gemeinsam mit Volker mit der Vier-bis-acht-Uhr-Schicht beginnt. Neumond. Und seit dem Morgen tanzt eine kleine Flamme aus einem Loch oben auf dem Ofen wie eine Geburtstagskerze. Auch die Natur hat ein Einsehen. Endlich: Die Sonne kommt raus. Erstmals seit Tagen ist es warm und wird richtig hell. Der Wald, die Wiese versuchen mit ihren Gerüchen gegen den Ofen zu halten. „Viel Glück und viel Segen“, und alle singen mit. Heute wird auch dickes nasses Lindenholz gefeuert. Gegen Mittag überspringen wir erstmals die 1200°-C-Marke, kommen allmählich auf Betriebstemperatur und taufen den Anagama auf den Namen „Anna Eins“.
Der Name kommt nicht von ungefähr: Kathrin betreibt die Töpferei Najorka in fünfter Generation; schon 1896 hat ihr Ururgroßvater Matthaeus den Familienbetrieb gegründet. Den nötigen Ton holte er mit einem Schienenhund aus dem nahen Wald, die Braunkohle zur Feuerung der Öfen ließ sich ebenfalls im Tagebau fördern. Sie lag buchstäblich vor der Werkstatttür. Kathrins Großvater wiederum füllte in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts die alte Braunkohlengrube Anna I mit dem Aushub der nur einen Steinwurf entfernten neuen Grube Anna II. Auf der zugeschütteten Grube aber bauten Kathrin und Christoph ihren Anagama.
„Anna Eins“ also! Anagama ist nun eine Frau – und ihre erste Nacht nach der Taufe sternenklar. Eine neue Vier-Stunden-Schicht, eine neue ewige Kerze am Schrein. Sobald wir die nächsten Scheite in die Hauptfeuerung werfen, leckt das Feuer mit langen Zungen aus dem Ofen, greift nach Händen, Armen und Nasen, streicht an Ohren und Augenbrauen entlang. Temperaturen um den Nullpunkt; unter einem weiten Himmel. Die Schläge aus der mehrere Kilometer entfernten Giesserei Keulahütte dringen zu uns herüber, auch der Panzer- und Geschützlärm vom Truppenübungsplatz Oberlausitz, der bis an den Rand der Krauschwitzer Ortsteile Sagar, Pechern und Werdeck reicht. Wummerbässe. Die Nacht brummt.
Dienstag. Anna Eins serviert Bratapfel und Glühwein für die Nachtschicht; und irgendwann verstummt auch das Gefechtschießen am Ortsrand. Hat Krauschwitz kapituliert oder Wichtigeres zu tun, als sein Pulver zu verschießen? 4.20 Uhr, 1236° C: Kathrin und Christoph legen zum ersten Mal in den Seitenfeuerungen auf. In den vorderen wie auch den hinteren. Bei nahezu gleicher Temperatur in beiden Kammern. Von nun an heizen wir im Rhythmus links vorn, rechts vorn, links hinten, rechts hinten, Mitte; und geben das schnell wieder auf, da die Temperatur in der hinteren Kammer zu schnell steigt, die in der vorderen dagegen unaufhaltsam fällt. Es bleibt bei links vorn, rechts vorn, Mitte. Vorder- und Hinterkammer haben nun nahezu die gleiche Temperatur. Hinten ist sie höher als gewollt, genauer gesagt: Zu diesem Zeitpunkt viel zu hoch.
Am Vormittag angelt Christoph eine erste Ziehprobe aus der vorderen Kammer. Der Probekörper ist oben mit einer sanftgrünen Seladon-Glasur überzogen, über die zwei dicke Tamadare laufen. Glasurtränen, die, wenn sie zu weit auslaufen, die Gefäße an den Platten festkleben lassen. Unten ist das Tonkörbchen so gut wie nackt, zudem kaum reduziert. Die Stunden vergehen mit Heizen sowie Wie-nun-weiter- und Asche-Anflug-Strategie-Diskussionen, wobei die Grenzen zwischen den Lagern fließend sind. Der Ofen macht seine Sache gut – aber wir wollen ja auch noch ein Wörtchen mitreden. Vor allem durch die Seitenfeuerung betrachtet entfalten die inzwischen weißgelb glühenden Gefäße ihren Zauber, laufen Quarz, Feldspat und Asche, als gäbe es kein Halten mehr. Längst flimmert die Luft über Anna Eins, steht das offene Ofenhaus vor Hitze, züngelt der Fuchs über dem sechs Meter hohen Schornstein mitunter ein bis anderthalb Meter hoch, ist auch am Tag gut zu sehen.
Erste Wetten machen die Runde, wie lange wir wohl brennen werden? Wenn der Zug rollt, dann rollt er, sagen jene, die für ein Halten der Temperatur und Weitermachen sind. Immer mal runtergehen, dann wieder hochheizen, halten andere für den besseren Weg und reden von der unter 1150° C zäher werdenden Glasur, auf der mehr Asche haften bleibt, sodass sich bei einem mehrmaligen Temperaturwechsel stärkere Glasurschichten aufbauen. Mehr als Reduzieren geht nicht, vertreten wiederum andere den wohl entscheidenden Punkt. „Grenzüberschreitung, Tamadarepopulation, Gefäßschwundrisiko“, heißt es dazu im Brennerbuch, nicht ohne an die Wege des Muzai No Nanahuse Gyo zu erinnern, dessen Name uns mittlerweile leicht von Zunge geht: „Weg 5 – ‚Sinse‘, Der Weg der Rücksichtnahme. Versetzen Sie sich in den anderen. Versuchen Sie, die Dinge von seinem Standpunkt aus zu sehen!“ Jule muss los. Sie fährt 16.30 Uhr mit der Bahn ab Weißwasser; morgen schon wird sie in Leipzig ihren Stand auf der Grassimesse aufbauen. Wir nehmen eine weitere Ziehprobe. Diesmal aus dem Backstage-Bereich der Vorderkammer. Noch hat sich wenig getan auf dem Scherben – ein kaum wahrnehmbares Seladon, das mehr an Mäuschengrau erinnert als an Grün.
Ab 18.00 Uhr stopfen wir die Seitenfeuerungen – vorn und hinten, um das Feuer in die hinteren Ofenregionen zu ziehen. Manch Gesicht ist rußgeschwärzt. Zeit für Sichtschutzkappen, asbestarmierte Armstulpen und silberglänzende Schürzen aus der Stahlindustrie. Links, rechts, Mitte. Links hinten, rechts hinten. Links, rechts, Mitte. Der Ofen reduziert ohne Unterlass, dazwischen kurze Oxydationsphasen, der Fuchs schießt in den Himmel, als würden wir einen Countdown herunterzählen. Fünf, vier, drei, zwei, eins … Baikonur oder Cap Canaveral in der Oberlausitz. Der Ofen atmet. Das Feuer schlägt in Wellen heraus, wogt hin und her, kaum sind die Feueröffnungen offen. Dazu ein paar Böller vom Bundesheer. Krauschwitz, ein flammendes Inferno. Bereits seit Mittag steht ein großer Eimer mit Wasser neben dem Ofen.
Einen Anagama zu feuern, das heißt Brennen auf direktem Weg. Da ist irgendwann nichts Zaghaftes mehr, nichts Lasches. Was treibt uns an? Befeuert uns, die wir den Ofen feuern? Wer nur den ganz besonderen Brand im Kopf hat, die außergewöhnlichen Brennergebnisse, dem wird sein Vorwissen zum Problem, der spekuliert auf kalkulierbare Brennergebnisse und programmiert Enttäuschung vor. Selbst mit einem Ofen, der schon 30, 50 Mal gebrannt wurde, ist das nur bei manchen Stücken zu erreichen, geschweige denn, mit Anna Eins, die ihren ersten Brand macht. Schon haben wir erste Risse und Brüche an manchem Gefäß im Ofeninneren ausgemacht.
Der Ofen atmet in der Nacht auf Mittwoch wieder in ruhigen Zügen. Bedeckter Himmel bei angenehmer Wärme und moderatem Gefechtsschießen. Fünf Tage brennen wir bereits. Mehr als 120 Stunden und noch kein Ende abzusehen. „Dit muss richtig uff de Platten kleben“, sagt Corina über die erste Flaschenprobe aus dem Ofen. Darauf ein kräftiges Grün mit satten Tamadaren. Circa 20 Kubikmeter Holz sind verfeuert. In der „Schallerfleppe de luxe“, dem Liederbuch der wandernden Gesellen, finden wir das Lied „Schilf“, in dem es heißt, „Asche ist auf die uralten Steine wie weißer Staub geweht.“ Genau. So wollen wir’s haben. Genau das: Asche auf uralten Steinen wie weißer Staub. Und das Ganze möglichst als Glasur! Die Temperatur liegt beharrlich zwischen 1150° C und 1180° C. In den Seitenfeuerungen hat sich das Glutbett zu hoch aufgetürmt, sodass Anna Eins einstweilen nicht mehr Temperatur hergibt. Trotz ihres Flammenmeers.
Mittwochvormittag. Der Ofen kommt erneut auf Touren und lässt sich mühelos zwischen 1220° C und 1260° C halten. Wir sind etwas vertrauter mit ihm, wissen ihn besser zu nehmen, ohne ihn wirklich zu kennen. Zum Mittag gibt’s Vegetarisches von Friederike als Kontrapunkt zur Völlerei und zum Fleischüberhang der zurückliegenden anderthalb Wochen. Zudem den Spruch des Tages von Christoph, bevor er in der Seitenfeuerung die Glut schürt: „Wir wollen’s dem Ofen ja nicht zu leicht machen“, sagt er und legt ordentlich nach. Ersten Ermüdungserscheinungen bei der Stammmannschaft wirken neue Leute entgegen. Conny Lehmann ist aus Burkau gekommen und übernimmt eine Nachtschicht. Frank Bertko aus Krauschwitz tut ein Gleiches, obwohl die Vier-bis-acht-Schicht nicht eben zu den angenehmsten gehört. Für die Stammbrenner geht nachts ohne Kaffee nichts mehr und auch der Vorrat an gespaltenem Holz zur Neige.
Donnerstag, 22. Oktober. Der Tag der Entscheidung. Weiter brennen oder Schluss machen? „Life is a highway“ singt Joe Cocker! Aber was tun, wenn alle paar Meter zig Wege abzweigen oder die nächste Kreuzung kommt? Was dann? Jetzt haucht der Ofen nur noch, ist ganz leise am Werk, als wolle er sich still zurückziehen oder als wäre er bereits erloschen. Dabei hält er konstant die Temperatur. Um 1240° C, plus minus 15 Grad. Ein Wunderwerk des vorindustriellen Zeitalters aus Fernost, dass sich Kathrin und Christoph da hinter Rabatten und Gartenteich gesetzt haben. Auf die grüne Wiese. Das Laub der Bäume wird immer herbstlicher, bunter, kunterbunter. Am Ofen taucht der Schriftzug „Anna I“ auf. Ruß auf Schamott. So lieben es die Anagamabrenner.
Gipfeltreffen am Ofen, G4 in Krauschwitz. Die Diskussionswogen nach dem Frühstück gehen hoch: Uns fehlen Erfahrungen mit diesem Ofen, Erlebnisse und Ergebnisse. Nur noch eine Ziehprobe ist in der vorderen Kammer; alle anderen haben wir bereits herausgefischt oder in der Asche versenkt. Wie also lässt sich die Frage beantworten, ob wir noch ein, zwei Tage weiter brennen oder das Ausbrennen einläuten sollen? Uns alle treibt die Sorge um, den Ofen Tage später zu öffnen und sagen zu müssen: Hätten wir doch noch etwas länger gebrannt!
Aber wie und vor allem wann begegnet man diesem „hätte“? Denn irgendwann muss Schluss sein. Da man nicht weiß, was falsch ist, kann man auch nicht wissen, was richtig ist? Ofen- und Hofhund Äbi kommt zum morgendlichen Kraulritual, lässt sich von der kurzzeitig angespannten Atmosphäre nicht beeindrucken, bemerkt aber auch, dass es auf der Stahlplatte über dem Feuerloch weit wärmer ist als an den anderen Tagen. Reden ist wichtig. Überlegen auch. Die Argumente der anderen mit einbeziehen, abwägen, bedenken. Dann entscheiden. Nicht halbherzig, besser aus Überzeugung. Die letzte Ziehprobe kann da nur helfen.
Gegen elf die Entscheidung: Wir beginnen zu reduzieren, brennen aus. Das heißt: Wir trimmen die vordere Kammer nochmals auf 1250° C und heizen währenddessen auch die über Tage vorgeheizte hintere Kammer hoch. Bretter voller Soda wandern ins Feuer der zweiten Kammer, das nach und nach über den Scherben vaporisiert. Dann reduzieren wir vorn, stopfen den Ofen randvoll mit Holz und Holzkohle, als gelte es Anna Eins zu sabotieren und ihren Kern zur Schmelze zu bringen. Derweil Christoph hinten noch Ziehproben fischt, füllen wir vorn bereits Löcher mit Steinen, Keramikfasermatten und Schmotze. Während der Reduktion wirkt der Ofen fragiler, verletzlicher als sonst. 14.10 Uhr geben wir ein letztes Mal Soda in die Salzkammer; insgesamt werden es sechs Kilogramm bei reduzierender Atmosphäre und einigen Wassergaben via Pferdespritze. 14.35 Uhr schließen wir die Hauptfeuerung und die Seitenfeuerungen; 15.05 Uhr ist auch die letzte Öffnung abgedichtet.
Mit dicken schwarzen Rauchfahnen verabschiedet sich der Ofen. Von uns, von Krauschwitz, von der Luftzufuhr. Für dieses Mal. Jetzt holt er sich den letzten chemisch gebundenen Sauerstoff aus Scherben, Engobe und Glasur. Sorgt hoffentlich für Farbe. – Und plötzlich ist es vorbei. Wir treten aus dem Ofenhaus. Holen Luft. Gehen wieder zum Ofen, der uns nun nicht mehr braucht. Wie eine Kathedrale steht er da, dieser langsame Brüter. Noch glüht es in seinem Inneren. Aber wir haben ihn bereits abgeschaltet. Ob er – und letztlich wir – unsere Sache gut gemacht haben, wird sich erst erweisen, wenn wir Anna Eins öffnen. In sieben, acht, neun Tagen. Auch das wird eine Premiere. „Danke Anna Eins!“, hat jemand schon heute ins Brennerbuch geschrieben. Ja, danke, und angestoßen haben wir auch schon auf dich. Für den Moment aber gilt, was Volker lächelnd, aber auch ein wenig überrumpelt sagte, als wir nach 164 Stunden und 45 Minuten, nach 30 Kubikmetern verfeuertem Holz ins Freie traten: „Die Schlacht ist geschlagen!“
© Thomas Gebhardt
